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Alles okay.

Benjamin Tienti

Alles okay.

Er sah ihr zu, wie sie die Kartoffeln auf ihrem Teller mit der Gabel zerdrückte. Sie ließ sich Zeit. Sie löffelte Senfsauce auf die Kartoffeln. Nahm ein Ei und schälte es, die Schalen stapelte sie Stückchen für Stückchen neben ihren Teller. Als sie das Ei auf den Kartoffeln zerdrückte, sich das Eigelb mit dem Gelb der Kartoffeln und dem der Sauce verband, wandte er den Blick ab. Er hörte das Scharren ihrer Gabel auf dem Porzellan, er hörte das Schmatzen ihrer sich öffnenden Lippen, hörte sie kauen und schlucken.

„Hast Du keinen Hunger?“ fragte sie.

Er nickte.

„Ja, du hast keinen Hunger oder doch, du hast?“

Er schloss die Augen und hörte das Surren des Kühlschranks aus der Küche. Ein böses Geräusch, wie von einer Wespe, die in die Enge getrieben wird.

„Ich bin gleich soweit“, sagte er. Sie machte den Fernseher an. Die Nachrichten. SPD auf Allzeittief. IS verschleppt 300 Arbeiter bei Damaskus. Putin weist Korruptionsvorwurf zurück. Emotionaler Ausnahmezustand in Dortmund. Im Südosten zeitweise Regen, an der Nordsee weiter Schauer. Und hier die Lottozahlen. Er steckte die Hand in die Hosentasche und fühlte das Papier. Er spielte schon immer die selben Zahlen. Elf, Siebzehn, sechsundzwanzig, dreiunddreißig, zweiundvierzig, sechsundvierzig.

Superzahl drei.

Er nahm sich Kartoffeln, Sauce, Eier. „Wie war Dein Tag?“ fragte sie. Sie schob ihren Teller von sich, wenn er geantwortet hatte würde sie aufstehen und abräumen.

„Alles okay“, sagte er.

Superzahl drei, sagte die Nachrichtensprecherin. Sein Blick fuhr zum Bildschirm.

Elf, Siebzehn, sechsundzwanzig, dreiunddreißig, zweiundvierzig, sechsundvierzig. In kleinen Kreisen auf dem Bildschirm.

Ganz unten, in den Beinen begann es, ein Rauschen, so kalt, wie die Nordsee, spülte seinen Bauch hinauf, nahm ihm die Luft und sprang ihm aus dem Mund, so scharf, dass seine Frau zusammen zuckte.

Superzahl drei.

„Was ist?“ fragte sie.

Er antwortete nicht. Er spürte nichts mehr, konnte nicht atmen, nicht sprechen, nur das Rauschen überall. „WAS IST!?“, schrie sie, sie stürzte auf ihn zu, kniete vor ihm, nahm sein Gesicht in die Hände. „Nichts“, rief er durch das Rauschen. Er hörte sich selbst lachen, sah die Bestürzung in ihrem Blick. Alles wackelte und wurde klein und leicht.

„Es ist nichts“, schrie er. So laut er konnte, um den Lärm zu übertönen. „Immer noch alles okay!“

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